Montag, 01. Juni 2026 | Bozukkale – Kuruca Bükü | 16,15 nm

Die Nacht in der Bucht von Bozukkale war herrlich ruhig – von einer kurzen, lauten Unterbrechung abgesehen. Unsere russischen Nachbarn starteten mitten in der Nacht laut schreiend den Motor, um ihre Muring nachzuziehen. Komisch, wir fanden schon beim Anlegen, dass das Manöver nicht ganz passte. Da aber schon das “Danke” für die gereichte Muring am Vortag ausgeblieben war, beschränkte sich die Kommunikation auf null. Uns fällt in den letzten Jahren immer wieder auf, dass russische Crews auf Charter-Yachten oft darauf verzichten, ihre Nationalitätenflagge zu hissen. Das war früher üblich, um zu zeigen, welche Nationen auf dem Schiff unterwegs sind. Jetzt verzichten die meisten russischen Crews darauf, Warum wohl?

Abgesehen davon war es eine idyllische Nacht. Das Rufen der wilden Esel gehört einfach zu dieser Bucht und wiegt einen sanft in den Schlaf.

Zum Frühstück gibt es Spiegeleier und Toast für die Herren, während Nane sich den restlichen Obstsalat mit Joghurt schmecken lässt. Das Wasser leuchtet in den schönsten Türkistönen – hier nicht noch einmal schwimmen zu gehen, wäre Frevel. ZR war ohnehin schon direkt nach dem Aufstehen im Wasser. Nane überwindet sich nach dem Frühstück ebenfalls, was den Kreislauf zuverlässig in Schwung bringen wird.

Nachdem wir unsere Rechnung bezahlt und bei einem Cay noch kurz mit Murat gequatscht haben, heißt es: Leinen los! Tschüss Bozukkale, vielleicht bis zum Rückweg.

Auch heute ist Flaute angesagt. Alle Segler, die wir sehen, sind unter Motor unterwegs. Erst auf den letzten Meilen frischt es etwas auf und wir können gemütlich mit der Genua bei 4,5 Knoten unserem Ziel entgegen segeln. Als wir in Kuruca Bükü einlaufen, trauen wir unseren Augen kaum: In dem schönsten Teil der Bucht, mit klarem Wasser und perfektem Sandgrund, lag nur eine einzige Yacht. Eine zweite Yacht, die parallel zu uns einläuft, scheint ein kleines Rennen zu veranstalten, um noch vor uns den Anker zu werfen. Wir sahen das entspannt – bei so viel Platz!

Wir werfen unseren Anker auf 9 Meter Tiefe mit 40 Metern Kette. Ein kräftiger Schub rückwärts bei 2.000 Umdrehungen, eine stehende Peilung – perfekt. Zum Mittagssnack gibt es überbackene Toasts mit Salami und Käse (ZR natürlich ohne seine verhassten warmen Tomaten). Bevor wir jedoch in den kompletten “Lazy-Modus” verfallen, muss Dirk den Anker abtauchen. Ihm ist wichtig zu betonen, dass die Crew ihn zu dieser Kontrolle im 23°C “kalten” Wasser gezwungen hat. Aber uns ist es wichtig, sicherzugehen. Das Ergebnis: Der Anker ist fett eingegraben, der Skipper zufrieden – und wir somit auch.

Auf diese gute Nachricht stoßen wir mit einem Weißweinschorle an und beobachteten das Schauspiel der nachfolgenden Boote: Anker werfen, umlegen, neu versuchen. Kennen wir alles, aber heute, Gott sei Dank, nicht bei uns.

Zum Abendessen fiel ZRs Wahl zwischen Schinkennudeln und Limonen-Pasta wenig überraschend auf Ersteres. Während wir essen, ankert eine österreichische Männer-Crew in der Nähe und wirft auf 10 Meter Tiefe maximal 30 Meter Kette. Das würden wir nicht tun. Da sie ihr Manöver aber sofort mit einem lauten “Prost” und einem Efes feiern, verkneifen wir uns einen Hinweis. Nane hat da ihre ganz eigenen, negativen Erfahrungen gemacht. Ein gut gemeinter Hinweis vor über zehn Jahren wurde mit „Halt die Fresse, Frauen haben an Bord nichts zu sagen“ quittiert. Der Satz sitzt bis heute. Da kein Wind angesagt ist, nehmen wir dieses Ankermanöver also einfach zur Kenntnis.

Den Abwasch übernehmen Dirk und ZR, die wehmütig an Christopher denken – der einzige Mitsegler, der diese Pflicht mit Freude und Perfektion erfüllt. Liebe Grüße nach Hessen, wir freuen uns, wenn ihr mal wieder dabei seid (und das nicht nur wegen deiner Spülkünste 😊).

Da bis Freitag Flaute herrschen soll, planen wir die Woche um. Nane kontaktiert Tarek von Sailors Paradise, um zu fragen, ob sie bei ihrem nächsten Einkaufstrip von Kocabahce nach Bozburun mitfahren kann. Die Antwort kam prompt: Sie fahren jeden Tag. Perfekt! So kommt Nane zum Metzger, ohne dass wir im Hafen von Bozburun übernachten müssen, und die Jungs bekommen ihr Fleisch in der nächsten Bucht – nur Pasta wäre v.a. für ZR schwer auszuhalten. Da ZR ja ultra all inklusive gewohnt ist, müssen wir uns schon ins Zeug legen, um ihn zufrieden zu stellen.

Der Mondaufgang ist wieder wunderschön, aber fotografisch einfach nicht festzuhalten. Wir chillen an Deck, bis es uns zu frisch wird und wir uns in die Kojen verziehen.

Sonntag, 31. Mai 2026 | Ciftlik – Bozukkale | 15,76 nm

Der Tag in Ciftlik beginnt, wie er aufgehört hat: entspannt. Mal wieder ist es ZR, der als Erster auf den Beinen ist und den Kaffee kocht. Nane genießt noch ein paar Minuten im Halbschlaf, bis sie kurz vor acht Uhr von der zweiten Kanne Kaffee aus der Koje gelockt wird. ZR war schon schwimmen – der beste Freund von Nane ist eine Maschine! Um mit seinem “Ultra-All-Inclusive”-Anspruch mitzuhalten, legt sich Nane ins Zeug: Omelett mit Schinken und Käse, aufgebackenes Brot, Tomaten, Gurken, Obstsalat und Orangensaft. Das schwäbische Motto “Nicht geschimpft ist genug gelobt” scheint zu greifen, denn es wird alles restlos verputzt.

Nach dem Bezahlen der Rechnung und einem letzten Cay im Restaurant, bei dem wir uns noch mit frischem Knoblauch eindecken, heißt es um kurz nach elf Uhr: Leinen los! Ziel ist die geschichtsträchtige Bucht von Bozukkale.

Der Wetterbericht behält leider recht: kein Wind, keine Welle. Wir motoren also gemütlich vor uns hin. Dirk nutzt die ruhige Überfahrt, um ein altbekanntes Problem anzugehen: die Steuerbord-Toilette. Bewaffnet mit einem kompletten Wartungskit aus Deutschland, Vaseline und Plastikhandschuhen macht er sich an die Arbeit. Neues Joker-Ventil, neue Dichtungssätze – er werkelt und schraubt in der Enge des kleinen Bades. Parallel dazu werden die Duschabflüsse mit Corega Tabs eingeweicht, um dem leichten Müffeln den Garaus zu machen. Der Schweiß rinnt in Strömen. ZR schaut immer mal wieder nach, aber bei der Enge kann man leider nicht helfen.

Nach anderthalb Stunden erscheint Dirk wieder im Cockpit – mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht. Problem gelöst! Das Wasser steht nicht mehr in der Schüssel. Nane stellt treffend fest: Handwerker sind glücklicher, weil sie das Ergebnis ihrer Arbeit direkt sehen. Ob früher als Kfz-Mechaniker oder als “Tischler Dirk” mit eigener Werkzeugkiste als Kind – das Handwerker-Gen steckt ihm einfach im Blut und macht ihn glücklich – wie man heute feststellen kann.

Gegen 14:30 Uhr erreichen wir Bozukkale und machen am gewohnten Steg fest. Nach einem Anleger-Shandy bereitet Nane einen Nizza-Salat mit Croutons zu, um das alte Brot zu verwerten. Dann soll es ins Wasser gehen, doch das Thermometer zeigt ernüchternde 21°C. ZR findet es deutlich kälter als in Ciftlik, Nane braucht eine gefühlte Ewigkeit, bis sie ganz im Wasser ist und findet, dass es auch nach zehn Minuten nicht besser wird. Dirk testet mit den Füßen, erklärt die beiden für verrückt und zieht sich wieder an.

Wir genießen die Sonne an Deck, während neben uns die “White Pepper” mit einer russischen Segelschul-Crew anlegt. Nane reicht die Muring rüber, ein “Danke” gibt es nicht. Nun ja.

Am Abend im Sailors House die erfreuliche Nachricht: Das Menü-System wurde abgeschafft, wir können wieder à la carte bestellen! Bei gegrilltem Levrek und Shrimps in Knoblauch-Butter entdecken wir zwei wilde Esel, darunter ein niedliches Fohlen. Dann quatscht Nane mit Burcu und ihrem Sohn Eren. Der ist inzwischen 12 Jahre alt und humpelt stark. Er ist Anfang des Jahres schlimm gestürzt und hat vier Schrauben im Bein – zwei Monate durfte er nach zwei schweren OPs nicht aufstehen. Eine harte Zeit für den “kücük kaptan” (kleinen Kapitän). Nane telefoniert über Facetime noch mit Fatma, die in Marmaris gerade an den Hausaufgaben sitzt. “Simsalabim Nane, do you remember?” – ja klar, das war unser Spiel als die Kinder klein waren – ein bisschen Zaubern.

Uns wird bewusst, dass wir vor fast genau 20 Jahren das erste Mal hier waren. Damals war alles noch rustikaler, und ein junger Mustafa bediente seine Gäste abends in weißem Hemd und Lackschuhen. Wir kramen alte Fotos auf Flickr hervor und schicken sie ihm per WhatsApp. Eine Zeitreise! Dirk erinnert sich lachend daran, wie die wilden Esel bis vor die Toiletten kamen und Nane nur mit Geleitschutz dorthin wollte.

Der Vollmond geht auf und taucht die Bucht in ein magisches Licht. Zurück an Bord stoßen wir mit Raki auf 20 Jahre Segeln in der Türkei an, untermalt von Hüsniyes blauen Lichtern. Die Rufe der wilden Esel, die Sterne, die Stille – diese Bucht ist und bleibt ein besonderer Ort. Auch wenn die Müdigkeit uns irgendwann in die Kojen treibt, die Erinnerungen an diesen Abend und an die letzten 20 Jahre bleiben.

Samstag, 30. Mai 2026 | Adaköy Marina – Ciftlik | 10,5 nm

Der erste Morgen an Bord beginnt vielversprechend: Nicht der Wecker, sondern der Duft von frischem Kaffee weckt Nane. ZR ist schon auf den Beinen. Ein perfekter Start in den Tag, oder? Fast. Beim Einräumen der frisch gewaschenen Wäsche die erste Überraschung: Unsere grauen Handtücher erstrahlen in einem zarten Rosa. Nane schreibt Mehmet, ob die Wäscherei eventuell Bleichmittel verwendet hat. Auf die Antwort darauf warten wir bis heute.

Ein Einkauf, der es in sich hat

Pünktlich um 9:20 Uhr kommt der Lieferservice von Bünyamin. Ein Traum, alles wird uns direkt bis ans Schiff gebracht. Die Freude weicht jedoch schnell einer leichten Schockstarre, als wir die Rechnung sehen: 38.950 Lira, umgerechnet 750 Euro! So viel haben wir für Standard-Einkäufe noch nie bezahlt. Nane kontaktiert Bünyamin. Anders als im Vorjahr fehlen die Einzelpreise auf der Liste. Er verspricht, die Summe zu prüfen.

Zeit für ein stärkendes Frühstück. Dirk hat zur großen Freude von ZR und sich selbst in den Tiefen unserer Kisten noch diverse Dosenwürste (haltbar bis 2027!) gefunden. Das Bedürfnis nach „ordentlicher Wurst“ ist also für diesen Törn gesichert.

Abschied aus der Adaköy Marina

Bevor wir ablegen, statten wir Meliah im Marina-Office einen Besuch ab, um die neuesten Nachrichten aus dem Revier zu erfahren. Unser Liegeplatz weiter außen am Steg gefällt uns nicht – Wind und Welle sorgen für ständige Bewegung. Meliah verspricht, mit dem zuständigen Mitarbeiter zu sprechen. Anschließend bezahlen wir das Abpumpen (450 TYL) und bereiten uns auf das Ablegen vor. Mit Hilfe der Marineros, die eine verhedderte Muringleine lösen, verlassen wir unseren Platz.

Doch bevor es auf die offene See geht, wartet die neue Bürokratie: Wir müssen in den Kran-Bereich fahren, um die „BlueCard“ zu bekommen. Obwohl unsere Tanks leer sind, ist das Abpumpen Pflicht – eine neue Vorschrift, um Schummeleien zu verhindern. Das Prozedere zieht sich, Dirk muss nochmals ins Office, und so kommen wir erst um 12:15 Uhr los.

Endlich unterwegs nach Ciftlik!

Kaum haben wir die Marina verlassen, meldet sich Bünyamin: Es ist ihm sichtlich peinlich, aber sie haben sich tatsächlich um 80 Euro zu unseren Ungunsten verrechnet. Wir einigen uns darauf, das im September zu klären, und genießen den kurzen, sonnigen Schlag Richtung Ciftlik. Die Bordanzeige meldet 23,5 °C Wassertemperatur, was ZR vehement bezweifelt.

Gegen 15:00 Uhr laufen wir in unsere Lieblingsbucht für den Törnstart ein. Das Anlegemanöver ist Routine – ein eingespieltes Team, ganz ohne Worte. Hassan winkt uns schon vom Steg zu und wir parken zielsicher ein. „Hoş geldiniz – Willkommen!“ Mit einem kalten Anleger-Shandy in der Hand ist es klar: Jetzt fängt der Urlaub richtig an.

Der Sprung ins „sehr frische“ Nass

Nachdem die Nachbarboote abgelegt haben, füllt Dirk die Wassertanks auf – eine gefühlte Ewigkeit. Sollen die nicht von der Vor-Crew gefüllt worden sein? Aber wie ZR richtig anmerkt: Wir haben ja Zeit. Dann der Moment der Wahrheit: der erste Sprung ins Meer. ZR wagt es und sein Urteil ist eindeutig: „Frisch, sehr frisch!“ Nane empfindet es als gelungene Kneipp-Kur. Dirk, nach dem Anblick unserer Gesichter, zögert. Doch die Neugier siegt: Er will das Unterwasserschiff kontrollieren, findet aber seine Taucherbrille nicht. Natürlich muss Nane sie verräumt haben. Nach langer Suche stellt sich heraus: Sie war noch gar nicht ausgepackt. Ups.

Mit einem ähnlich verzerrten Gesichtsausdruck wie wir stürzt sich Dirk ins Wasser und beginnt sofort mit der Arbeit: Er schrubbt das Unterwasserschiff und entfernt braune Schlieren vom Teak-Schrubben des Reinigungsteams.

Ein Abend mit gemischten Gefühlen

Nach getaner Arbeit und einem erfrischenden „Swim“ (ZR) gönnen wir uns eine heiße Dusche im Deniz-Restaurant. Die Jungs entdecken ein vergessenes „Head & Shoulders“, was später für extrem „fluffiges“ Haar sorgt.

Zurück an Bord gibt es Kaffee, krümelige Schoko-Kekse und bald darauf das erste Weißweinschorle. Da erreicht uns eine WhatsApp von Mehmet. Sein neuer Job stresst ihn, er kann die Qualität, die wir gewohnt sind, nicht mehr liefern und möchte die Zusammenarbeit beenden. Das ist schade, aber verständlich. Ein Gespräch nach unserer Rückkehr ist unumgänglich.

Wir lassen den Abend im Restaurant ausklingen – mit Sigara Börek, Tsatsiki, Lammkoteletts und Calamares. Zurück an Bord hat der Schwell zugenommen. Also werden im Dunkeln noch die Leinen verstellt – eine kleine Tradition bei uns. Dirk klagt über Rückenschmerzen, Nane verabreicht Voltaren. Bei einem letzten Getränk an Deck lassen wir den Tag ausklingen und fallen müde in die Kojen.