Sonntag, 13.09.2026 | Ciftlik – Bozukkale | 22,06 nm

Der frühe Vogel kann uns mal. Nane ist zwar kurz wach, um ein traumhaftes Foto vom Sonnenaufgang zu schießen, aber danach wird sich sofort wieder in die Koje gemummelt – es ist definitiv zu früh für jegliche Art von Aktivität. Gegen halb neun sind wir dann aber bereit für den ersten Kaffee des Tages, und der tut richtig gut. Wir kommen mit unserer netten Nachbar-Crew ins Gespräch, die ebenfalls Kurs auf Bozukkale und das Sailors House nehmen will. Wie klein die Welt ist: Sie kommen aus der Gegend um Leinfelden und Karlsruhe. Da Nane früher selbst in Grünwettersbach gewohnt hat, ist die Freude über den heimatlichen badischen Dialekt riesig.

Nach Kaffee und Müsli bezahlen wir unsere Rechnung, trinken noch einen schnellen Çay und schmieden den Schlachtplan für den Tag. Nane ist da unerbittlich: Spätestens um 11 Uhr müssen die Leinen los! Der Grund ist eine berüchtigte, fiese Welle, die sich am Nachmittag zuverlässig zwischen Rhodos und dem türkischen Festland aufbaut. Eine Welle, die in der Vergangenheit schon etliche unserer Crew-Mitglieder zu unfreiwilligen „Reling-Hängern“ gemacht hat. Dieses Schicksal wollen wir uns heute ersparen. Kurz vor 11 legen wir ab und verabschieden uns von unseren Nachbarn – man sieht sich!

Die ersten 50 Minuten tuckern wir unter Motor, doch dann erwacht der Wind zum Leben. Zeit, die Segel zu setzen! Mit dem ersten Reff im Groß und in der Genua gehen wir auf einen Amwindkurs. Es ist immer wieder unglaublich, wie souverän die Pura Vida mit ordentlich Wind umgeht. Selbst gerefft jagen wir mit über 8 Knoten durchs Wasser – ein sensationeller Start in den ersten richtigen Segeltag. Der Pura Vida haben wir damit auch gleich mal eine ordentliche Salzdusche verpasst.

Nane lässt die Pura Vida laufen, hält Kurs auf Rhodos, um mit nur einer einzigen Wende perfekt in die Bucht von Bozukkale segeln zu können. Dabei hat sie am Steuer ganz schön gegen die hohen Wellen und die immer wieder einfallenden Böen zu kämpfen. Der Wind legt weiter zu, und bei 26 Knoten scheinbarem Wind muss die Genua sogar noch ein weiteres Stück eingerollt werden. In der Kabine macht sich die Schräglage bemerkbar: Mit einem lauten Scheppern verabschieden sich die Tabletts aus ihrem Fach unter dem Backofen und verteilen sich auf dem Boden. Ein klares Zeichen, dass wir ordentlich unterwegs sind!

Um 14 Uhr erreichen wir die Einfahrt von Bozukkale und bergen die Segel. Ganz so windstill wie erhofft ist es in der Bucht leider nicht, aber wir kommen gut an den Steg vom Sailors House, wo uns Murat schon erwartet und die Achterleinen entgegennimmt. Fest. Durchatmen.

Kurz nach uns läuft auch die „Sun Lark“ unserer Nachbarn ein. Sie mussten das letzte Stück gegen die Welle anmotoren, und ja, es hat ein Crew-Mitglied erwischt. Liebe Grüße an Bea, Nicky, Chris und Fabi – ihr seid in guter Gesellschaft, dieses Stück See ist einfach nicht ohne!

Als Belohnung für die gelungene Überfahrt gönnen wir uns einen Anleger-Obstsalat mit Joghurt und Honig. Wir teilen unsere Wassermelone mit den Nachbarn und genießen den Nachmittag. Dirk nutzt die Zeit, um die Schiffsschraube von ein paar Pocken zu befreien, und wir alle freuen uns über die angenehme Wassertemperatur – schon deutlich wärmer als im Juni, aber immer noch herrlich erfrischend. Die Nachbar-Crew lässt ihre Drohne steigen und Nane bekommt die spektakulären Luftaufnahmen direkt per Airdrop zugeschickt – genial!

Zum Sundowner sind wir auf die Sun Lark zu einem Aperol Spritz eingeladen. Eine tolle Geste, vielen Dank nochmal, er war köstlich! Im Restaurant werden wir freudig von Mustafa begrüßt. Es ist schön zu sehen, dass er wieder präsenter für seine Gäste ist – für uns ist er einfach das Gesicht und die Seele vom Sailors House. Das Abendessen – Shrimps in Knoblauchbutter und gegrilltes Hühnchen – ist wie immer ein Gedicht.

Trotz des perfekten Tages merken wir: Wir sind noch nicht ganz im Urlaubsrhythmus angekommen. Der Segeltag war schön, aber auch anstrengend, und die frische Seeluft fordert ihren Tribut. Wir sind müde. Der Wind lässt nicht nach und pustet kräftig von achtern ins Boot. Wir lassen den Abend bei einem letzten Drink ausklingen und fallen bald in die Kojen. Gute Nacht aus dem windigen Bozukkale.

Samstag, 12.09.2026 | Adaköy Marina – Ciftlik | 10,41 nm

Es gibt kaum eine schönere Art, aufzuwachen: Die Nacht an Deck war einfach herrlich, und der Duft von frischem Kaffee, der uns sanft aus dem Schlaf lockt, macht den Morgen perfekt. Regina hat uns ein kleines Frühstück gezaubert – ein riesiges Dankeschön dafür! Der Plan für den Tag ist straff, aber machbar: Um 8 Uhr werden die beiden abgeholt, um 9 Uhr soll unser repariertes Segel kommen, und um 10 Uhr die große Lebensmittelbestellung.

Während wir auf die Segelmacher warten, herrscht geschäftiges Treiben. Wir packen unsere Seesäcke aus und verwandeln die Pura Vida wieder in unser Zuhause. Die Segelmacher sind nicht nur pünktlich, sie haben auch echte Magie gewirkt! Der UV-Schutz der Genua und die zugehörigen Taschen sind perfekt genäht – und das in der Rekordzeit von einer Nacht. Ein Hoch auf die türkische Handwerkskunst! Auch unsere Lebensmittel-Bestellung trifft pünktlich ein. Während Nane beginnt, Tetris für Fortgeschrittene im Kühlschrank und den Stauräumen zu spielen, widmet sich Dirk der Ankerwinsch, die zerlegt, gesäubert und frisch gefettet wird.

Die Freude über die pünktliche Lieferung wird allerdings durch den Zustand des Obstes getrübt. Birnen, Pfirsiche und Nektarinen haben die Reise offenbar nicht gut überstanden – sie sind angeditscht, zermatscht und, um es mit Nanes Worten zu sagen, „sabbernd“. Dazu fehlen ein paar Dinge, die aber berechnet wurden. Ein kurzes, ärgerliches Intermezzo mit dem Lieferdienst und die Vereinbarung, dass wir die zu viel bezahlten 40 Euro am Ende des Törns zurückbekommen. Es ist zwar ein kleines Ärgernis, aber immer noch unendlich viel besser und schneller, als selbst für den Großeinkauf nach Marmaris zu pendeln.

Nachdem bei uns alles an Bord ist, spielt Dirk den Lieferservice für die Nachbaryacht „Il Sogno“. Doch Hansis Wunsch, ihm ein paar kalte Getränke in den Kühlschrank zu stellen, scheitert kläglich. Ein Kurzschluss hat die Yacht lahmgelegt, der Kühlschrank ist ohne Strom und hat bereits ein Eigenleben entwickelt. Improvisation ist alles: Dirk deponiert die Getränke kurzerhand im Kühlschrank im Marina-Office und gibt Hansi Bescheid. Wenigstens ist der bestellte Putztrupp unterwegs!

Gegen 13:30 Uhr ist es dann so weit: Leinen los! Ein herrliches Gefühl. Wir cruisen ganz gemütlich unter Motor Richtung Ciftlik. Um 15:30 Uhr machen wir am Steg fest, und nach dem obligatorischen Anleger-Radler gibt es nur noch ein Ziel: das Wasser! Der erste Sprung ins kühle Nass – unbezahlbar. Viele Grüße an dieser Stelle an ZR, du würdest es lieben!

So richtig angekommen fühlen wir uns aber noch nicht. Die Müdigkeit der letzten beiden kurzen Nächte steckt uns tief in den Knochen. Wir verbringen den Nachmittag entspannt an Deck, dösen vor uns hin und genießen einfach nur den Moment.

Zum Abendessen belohnen wir uns mit einem fantastischen Chicken Kavurma, Sigara Börek und einem unglaublich leckeren Zucchini-Knoblauch-Joghurt-Dip. Wieder an Bord, chillen wir noch eine Runde, bis uns fast die Augen zufallen. Da hören wir neben uns noch ein Anlegemanöver. Eine andere deutsche Charter-Crew, die – absolut nachvollziehbar – auch keine Lust hatte, die erste Nacht im Trubel von Marmaris zu verbringen. Wir sagen kurz hallo, die Crew geht zum essen und wir wieder in die Horizontale im Cockpit.

Lange halten wir aber nicht mehr durch. Die Müdigkeit siegt. Gute Nacht aus dem Paradies.

Freitag, 11.09.2026 | Stuttgart – Istanbul – Dalaman – Marmaris

Es gibt Wecker, und es gibt Feinde. Unserer gehörte heute Morgen eindeutig zur zweiten Kategorie und riss uns um 3:30 Uhr aus dem Tiefschlaf. Der erste Tag des Spätsommer-Törns beginnt traditionell mit einem Zustand zwischen Schlaftrunkenheit und purer Vorfreude. Der Ablauf ist fast schon ein Ritual: aufstehen, duschen, das letzte und wichtigste Stück Parmesan sicher im Gepäck verstauen und die Seesäcke schließen. Pünktlich um 4:30 Uhr steht unser Freund ZR vor der Tür – die Reise beginnt. Fast. Denn kaum sind wir losgefahren, überkommt Dirk eine panische Eingebung: Hat er die Haustür wirklich abgeschlossen? Eine kurze Ehrenrunde später ist klar: Ja, hat er. Langsam aber sicher scheint er Nanes kleine Marotten zu adaptieren.

Am Flughafen werden Nanes goldene „Zwei-Stunden-vorher-da-sein“-Regel von den Herren noch milde belächelt. Eine Regel, die sich heute, mal wieder, als absolut goldrichtig erweisen sollte. Während der Check-in am Schalter von Turkish Airlines noch reibungslos verläuft und wir dank Nanes freundlicher Bitte Plätze in Reihe 5 ergattern, erwartet uns dahinter das pure Chaos. Terminal 1 ist dicht, und vor den Sicherheitskontrollen in Terminal 2 und 3 staut es sich in endlosen Schlangen. Über eine Stunde brauchen wir! Um uns herum werden Passagiere panisch, das Boarding für ihre Flüge läuft bereits, und die Stimmung wird zusehends aggressiver. Das Personal? Zeigt sich beeindruckend unbeeindruckt. Also das volle Programm: Alles raus aus dem Handgepäck, jeder Akku, jede Flüssigkeit. Hach, moderne Technik wäre was Feines. Nach einer weiteren Schlange an der Passkontrolle erreichen wir endlich unser Gate und heben wider Erwarten sogar pünktlich ab. Der Flug nach Istanbul ist die Ruhe nach dem Sturm: Nane versinkt im Bordkino bei „Shelter“, während Dirk den Schlaf der Gerechten schläft, nur kurz vom Frühstück unterbrochen.

In Istanbul, diesem Flughafen der Superlative, landen wir zwar 15 Minuten zu früh, kurven dann aber gefühlt eine halbe Ewigkeit über das Rollfeld. Die Zeit wird wieder knapp! Dirk schaltet in den Rennmodus, und wir hechten Richtung Inlandsflüge. Zum Glück hat sich die lange Fahrt gelohnt, der Weg ist kürzer als sonst. Passkontrolle, noch eine Sicherheitskontrolle, und schon sitzen wir am Gate für den Flug nach Dalaman. Der hat natürlich Verspätung. Dirk hat die Schuldigen schnell ausgemacht: die „Handgepäck-Terroristen“. Jene Zeitgenossen, die mit Koffern in Übergröße versuchen, die Physik der Gepäckfächer neu zu definieren. Das Personal stopft und drückt, was das Zeug hält, während der Rest der Passagiere nur noch genervt mit den Augen rollt.

Endlich in Dalaman! Während Dirk am Gepäckband auf unsere Seesäcke wartet, macht Nane einen strategischen Abstecher in den Duty Free. Eine Flasche Grant’s Whiskey für unseren Freund Mehmet, ein Raki und ein Martini für uns. Und dann ist da noch die Sache mit dem Parmesan. Seit gefühlt 20 Jahren unser treuer Begleiter. Kurz vor Abflug hatte Nane mit Entsetzen in den Einfuhrbestimmungen gelesen: Käse ist verboten! Ein blödes Gefühl bleibt, denn im Juni wurde hier noch jedes Gepäckstück vom Zoll durchleuchtet. Mit der seligen Unwissenheit der Vorjahre hat es sich deutlich besser angefühlt. Doch das Glück ist heute mit den Wagemutigen: keine Kontrolle! Wir schlendern unschuldig pfeifend am Zoll vorbei. Geschafft!

Das VIP-Shuttle von DM Transfer wartet schon mit kühlem Wasser auf uns, und nach weiteren 1,5 Stunden Fahrt erreichen wir endlich die Adaköy Marina. An der Schranke dann die nächste Neuerung: Ausweiskontrolle. Dirk ist mäßig begeistert, aber Vorschrift ist Vorschrift.

Endlich an Bord der Pura Vida! Dort werden wir von Walter und Regina empfangen, während gerade die Genua, deren UV-Schutz gerissen ist, abtransportiert wird. Bei einem eiskalten Bier (für Dirk eine Fanta) im Cockpit tauschen wir uns aus. Sie erzählen von ihrem Törn zwischen der Türkei und Griechenland, Mehmet bessert ein paar Holzleisten aus, und wir fühlen uns sofort wieder zu Hause. Das Angebot, eine freie Kabine auf der Pura Vida zu nutzen, nehmen wir dankend an, entscheiden uns für die erste Nacht aber für die beste Suite überhaupt: das Cockpit. Frische Luft und ein leichter Wind – mehr braucht es nicht zum Glücklichsein.

Ein kurzer Abstecher zur „Il Sogno“, dem Schiff unseres Freundes Hansi, sorgt für leichte Irritation. Der Zustand ist, sagen wir, suboptimal. Wir schießen ein paar Beweisfotos, damit er vielleicht noch einen Putztrupp organisieren kann.

Zurück auf der Pura Vida gibt es türkischen Kaffee und Kekse, bevor wir gemeinsam mit dem Taxi nach Marmaris zum Abendessen aufbrechen. Walter und Regina führen uns in ein kleines, authentisches Restaurant in der dritten Reihe – ein echter Geheimtipp. Bei Grillplatte, Leber und Burger besprechen wir die anstehenden Investitionen für unsere Pura Vida. Zurück in der Marina gönnen wir uns einen letzten Absacker, doch gegen Mitternacht macht sich die Müdigkeit des langen Tages bei allen breit. Zeit, in unsere Open-Air-Suite umzuziehen. Die Reise hat begonnen.