Sonntag, 07. Juni 2026 | Sögüt – Orhaniye | 19,33 nm

Letzte Woche drohte der Wetterbericht noch mit Regen, heute ist davon zum Glück nichts mehr zu sehen. Strahlender Sonnenschein. Das morgendliche Kaffee-Ritual an Deck lockt heute sogar unseren Skipper aus der Koje – ein Ereignis von besonderer Bedeutung! Nane macht sich auf den Weg, um Brot zu kaufen. Irems Market ist immer noch ein verwaister Ort, also geht’s zum kleinen Laden am Octopus Restaurant. Das Brot ist überraschend günstig (40 Tyl pro Stück), was uns zu der Frage bringt, wie man bei diesen staatlich gedeckelten Preisen überhaupt noch produzieren kann. Ein Rätsel der türkischen Wirtschaft.

Dank unserer umfangreichen Eier-Bestände (gekauft und geschenkt) gibt es für die Herren ein feudales Omelett mit Schinken und Käse. Während die Jungs noch heldenhaft den Abwasch erledigen, begleicht Nane die Rechnung vom Vorabend. Vor uns liegen fast 20 Seemeilen, die sich bei wenig bis gar keinem Wind wie Kaugummi ziehen werden.

Der Abschied dauert, wie immer, länger als geplant. Erst trinken wir noch einen Cay und quatschen mit unseren englischen Nachbarn. Ihr Boots-Drama geht in die nächste Runde: Gestern haben sie festgestellt, dass der Segelmacher ihnen die falschen Segel mitgegeben hat. Bei diesem Boot schlägt Murphys Gesetz mit voller Wucht zu. Nach einem herzlichen Abschied von Sabit, Gülümser und Öykü – “See you in September!” – geht es endlich los. Mission heute: das Restaurant Palmiye unter neuer Leitung testen und für unseren Freund Sven checken, ob er hier im August einen Crew-Wechsel machen kann.

Im Yesilova-Golf können wir tatsächlich aufkreuzen und schaffen es auf solide 4,5 Knoten. Der Wind meint es kurz gut mit uns und Nane kann auf dem Steuerbord-Bug bis zum Kap segeln. Doch kaum biegen wir in den Hisarönü-Golf ab, ist der Spaß vorbei. Wind weg. Also: Segel einholen, Motor an. Bei achterlichem Wind und Motorleistung hebt sich die gefühlte Geschwindigkeit gegenseitig auf, und wir schleichen mit leichtem Dieselgeruch in der Nase Richtung Orhaniye. Kurz vor Bencik erwischen wir nochmal einen Hauch von Wind und hissen die Genua. Im “Slow-Motion-Modus” cruisen wir mit 2,5 Knoten dem Ziel entgegen. Gechillter kann man nicht segeln.

Gegen 16 Uhr legen wir am Steg der Palmiye Marina an. Und wer steht da, um die Leinen anzunehmen? Dogan, der Chef höchstpersönlich. Wir werden zur Chefsache erklärt – das gefällt uns.

Nach einem schnellen Anleger-Drink füllt Dirk den Wassertank, und wir schrubben einmal das Deck. Es gibt definitiv schlimmere Arbeiten, als bei diesen Temperaturen mit kühlem Wasser zu planschen. Danach wollen wir in den Pool, der aber wegen einer Chlor-Behandlung gesperrt ist. Macht nichts. Wir duschen und lassen uns in die Liegestühle fallen. Man hat nichts getan und ist trotzdem erschöpft – das ist der wahre Urlaubs-Modus.

Gegen 19 Uhr testen wir das Restaurant. Und was sollen wir sagen? Volltreffer! Mushroom Casserole, Ekzine Peynir, Lamm- und Hähnchenspieße – alles ist fantastisch gewürzt und perfekt gegrillt. Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Weil Nane etwas länger auf ihren Hauptgang warten muss, bekommen wir als Entschuldigung noch eine gebackene Halva aufs Haus. Wie nett! Mission für Sven: Läuft.

Zurück an Bord gibt es das obligatorische Weinschorle, gefolgt von einem Raki. Wir chillen an Deck, bis das erste Gähnen kommt, und verziehen uns dann glücklich und satt in die Kojen.

Samstag, 06.06.2026 | Kocabahce Koyu – Sögüt | 11,17 nm

Der Morgenkaffee an Deck wird heute von einem Lauschangriff auf unsere Nachbarn untermalt. Das Ergebnis ist wenig überraschend, aber von Boot zu Boot bestätigt: Keine der unzähligen Wetter-Apps verspricht auch nur den Hauch einer Brise. Es wird also wieder ein Tag des meditativen Schleichens. Zum Glück haben wir es nicht weit.

Als wir uns von unseren Herzensmenschen bei Sailors Paradise verabschieden wollen, eskaliert die Situation auf die schönste Art und Weise. Mehmet drückt uns Mandeln, Walnüsse, Salbei, Oregano und Honig in die Hände. Zerrin schickt Tarek schnurstracks in den Garten, um frischen Rucola, Petersilie und Portulak zu pflücken, mit den Worten: “So you have a piece of Sailors Paradise on your boat.” Die Familie ist einfach unglaublich. Zum Abschied gibt es noch Eier, lieber eine Umarmung zu viel als eine zu wenig, und das Versprechen, im Sommer wiederzukommen.

Auch von unseren englischen Nachbarn verabschieden wir uns. Die “Bluebell” will ebenfalls nach Sögüt, während die “Bluesbreaker” noch einen Tag die Seele am Steg baumeln lässt. Kurz vor 12 Uhr tuckern wir los. Wir passieren die Inseln, werfen einen Blick auf Dirsek Bükü und biegen dann links in den Yesilova-Golf ab. Hier packen wir die Genua aus und schaffen es tatsächlich, mit jedem noch so kleinen Windhauch bei zwei Knoten Fahrt Richtung Sögüt zu schleichen.

Bei der Ankunft stehen Sabit und Gülümser schon winkend am Steg. Die Achterleinen fliegen, und noch bevor Nane die Muring richtig greifen kann, steht Sabit schon vorne und hilft beim Ziehen. Es folgen Umarmungen, Freudentänze und das Gefühl, nach Hause zu kommen.

Als Anleger-Snack gibt es natürlich sofort einen Salat aus den Mitbringseln von Sailors Paradise. Danach startet die “Mission Gasflasche”. Wir wollen bei Irems Market die Flasche tauschen und für alle ein Eis kaufen. Doch der Laden sieht aus wie ein Tatort kurz nach der Spurensicherung: leer. An der Tür klebt ein Zettel mit Özkans Handynummer. Nane ruft an, er verspricht, in 20 Minuten da zu sein. Da es aber gefühlt 40 Grad im Schatten hat, beschließen wir, das Warten zu überspringen und beim Octopus-Restaurant-Market Eis für uns und die Familie Apak zu kaufen. Drei Stunden später kommt von Özkan die Nachricht: “Sorry, Gas ist aus.” Na gut, dann eben morgen in Orhaniye.

Nach Cay und einer Abkühlung im Wasser (über 26°C, ZR ist natürlich als Erster drin) lässt Dirk die Drohne steigen, was den kleinen Deniz schwer fasziniert. Nane kommt mit den französischen Nachbarn ins Gespräch. Die haben ihr Boot erst kürzlich gekauft – nachdem es 10 Jahre an Land stand. Überall, wo man hinschaut: Großbaustelle. Ein Projekt, das sich nach einer unendlichen Geschichte anhört. Wir wünschen den beiden viel Glück und sind froh, dass wir nur zuschauen müssen.

Zum Abendessen gibt es für ZR und Dirk frischen Fisch (Red Snapper und Levrek), während Nane sich nach dem #aufessen-Marathon der letzten Tage weise auf Vorspeisen beschränkt. Die ersten Mückenstiche lassen nicht lange auf sich warten, die Antibrumm-Flasche wird gezückt und der letzte Drink des Abends kurzerhand auf das windigere Deck verlegt. Sicher ist sicher.

Freitag, 05.06.2026 | In Bükü – Kocabahce Koyu | 8,37 nm

Die Nacht war ein Traum. Kein Piepsen vom Ankeralarm, nur die sanften Geräusche der Natur. Das Aufwachen in dieser herrlich grünen Fjord-Landschaft von In Bükü fällt entsprechend leicht. Die Morgenroutine ist mittlerweile heilig: erst eine Runde schwimmen, dann eine Tasse Kaffee. Schon ist die Welt wieder in perfekter Ordnung.

Wir haben es heute nicht weit, also beschließen wir, erst nach dem Mittagessen abzulegen. Es gibt nämlich noch Reste von gestern, die dringend unter dem neuen, von ZR ausgerufenen Törn-Hashtag #aufessen vernichtet werden müssen. Vor allem, weil die Köfte einfach zu lecker sind, um sie nicht zu ehren.

Kurz vor 13 Uhr holen wir den Anker auf und – man höre und staune – setzen das Großsegel! Es soll ja auch mal zum Einsatz kommen. Und wie es das tut! Wir kreuzen den Hisarönü-Golf bei über 10 Knoten Wind, in den Böen sogar 14! Nane bringt die Pura Vida auf 6 Knoten Fahrt und für einen kurzen, glorreichen Moment fühlen wir uns wie echte Segelhelden. Das ist es! Das ist Segeln! … und dann ist es genauso schnell wieder vorbei, wie es angefangen hat. Der Wind schaltet auf “Aus”. Tja. Also, Maschine an und den Rest der Strecke gemütlich tuckern.

Kurz vor 16 Uhr machen wir wieder am Steg von Sailors Paradise fest. Nane und Dirk hechten förmlich von Bord, um pünktlich zum “Family Cay” zu kommen. Zerrin strahlt, als sie uns sieht – schön, dass das Treffen geklappt hat. Der Tisch biegt sich schon unter Zucchini-Puffern, Simit, Nüssen und Acma. Es ist alles unfassbar lecker, aber wir versuchen, uns zurückzuhalten. Wir wollen ja später noch richtig essen.

Wir quatschen, tauschen den neuesten Revier-Tratsch aus und lauschen Zerrins Erzählungen über die Kinder und die Schule. Das halbe Team sitzt mit am Tisch. Der Koch ist neugierig und will alles über Deutschland wissen. Ob es dort auch richtige türkische Restaurants gibt oder nur Döner? Am Ende stellt er aber zufrieden fest, dass es ihm in der Türkei doch besser gefällt.

Zum Abendessen gibt es für Nane Karides (Garnelen), während die Jungs sich für Chicken Sis entscheiden. Eine Runde Sigara Börek als Vorspeise soll heute eigentlich genügen. Eigentlich. Denn Zerrin kann das nicht zulassen und serviert kurzerhand noch Fava und Joghurt mit Kresse. Wir kapitulieren und verzichten dankend auf den Nachtisch. Nane malt danach noch eine Runde mit dem kleinen Deniz. Mit nur einem schwarzen Filzstift sind die kreativen Möglichkeiten zwar begrenzt, aber es macht trotzdem riesig Spaß.

ZR fasst den bisherigen Törn treffend zusammen: “Dieser Urlaub steht definitiv unter dem Hashtag #aufessen. Wir müssen uns bald neue Shirts mit dem Aufdruck kaufen.” Recht hat er. Die Fülle an Eindrücken und Essen macht Nane heute so groggy, dass sie sich früh in die Koje verabschiedet.

Sie schläft zu den schönsten Hintergrundgeräuschen ein, die es gibt: das leise Lachen und Murmeln der Jungs, die noch im Cockpit sitzen und den Abend ausklingen lassen.