Dienstag, 09.06. 2026 | Kuruca Bükü – Serce Limani | 19,54 nm

Der Morgen steht ganz im Zeichen des #aufbrauchen-Modus. Es gibt Suzuk mit Ei zum Frühstück. Die Wurst ist den Jungs allerdings eine Spur zu scharf – die andere Hälfte wird daher feierlich dem Meer übergeben. Dazu gibt es aufgebackenes Brot und Simit. Wir genießen die Ruhe und Nane erklärt Kuruca Bükü offiziell zu ihrer neuen Lieblingsbucht. Da wir uns aber für den Nachmittag in Serce Limani verabredet haben, müssen wir uns losreißen.

Um 10:30 Uhr starten wir die Operation “Anker auf”. Das ist heute leichter gesagt als getan. Irgendwie hat es der Anker geschafft, sich kunstvoll in seiner eigenen Kette zu verfangen. Ein Manöver, das physikalisch eigentlich unmöglich sein sollte. Während Nane ans Steuer geht, lösen die Jungs das gordische Knoten-Problem mit dem Anker-Klarierhaken und vereinten Kräften.

Motiviert setzen wir die Segel, aber bei 2,5 Knoten Fahrt sind die 20 Seemeilen bis Serce Limani eine Lebensaufgabe. Also: Motor an und auf später hoffen. Wir queren den Hisarönü, dann den Yesilova – kein Wind. Erst kurz vor Kap Karaburun können wir endlich die Genua setzen. Und dann passiert’s: Entgegen aller Vorhersagen frischt der Wind auf 15 bis 16 Knoten auf! Wir fliegen förmlich Richtung Ziel und erreichen die Einfahrt von Serce Limani, die sich wie ein Geheimversteck erst im letzten Moment zeigt, pünktlich kurz vor 15 Uhr.

In der Bucht selbst pfeift der Wind kräftig aus West. Dirk hat alle Hände voll zu tun, die Pura Vida in der engen Bucht zu wenden und rückwärts an den Steg zu manövrieren. Hansi steht mit seiner “Il Sogno” schon bereit, die Crew von Kaptan Nemo nimmt die Leinen entgegen – bei dem Wind muss alles schnell gehen, aber wir sind ein eingespieltes Team.

Kaum ist der Motor aus, entert die Crew der Il Sogno unser Cockpit. Nane muss kleinlaut zugeben, kein kühles Bier mehr zu haben, aber Hansi, Heinz und Marion haben vorausschauend ihr eigenes mitgebracht. Dazu gibt es Salami, Käsewürfel und Cracker. Es wird gequatscht, gelacht und alle reden durcheinander – herrlich! Der Nachmittag vergeht wie im Flug. Marion ist die Leidtragende des Mücken-Sommers: Sie hat 150 Mückenstiche und sieht aus wie ein Streuselkuchen, während alle anderen verschont bleiben. Sie scheint für die türkischen Mücken eine besondere Delikatesse zu sein.

Der Wind bläst immer noch, aber die Muringleinen halten bombenfest. Hansi drückt Nane einen seiner Mini-Tauchscooter in die Hand – zum Spielen für den Rest des Törns. Genial! ZR probiert ihn sofort aus und muss nach dem ersten Vollgas-Stoß in Stufe 3 erstmal seine Badehose retten, bevor sie sich selbstständig macht.

Die Bucht ist landschaftlich der absolute Wahnsinn. Man fühlt sich wie in einem Karl-May-Film und wartet förmlich darauf, dass oben auf den Felsen Indianer mit Pfeil und Bogen auftauchen. Dirk lässt die Drohne steigen und macht atemberaubende Bilder.

Um 19 Uhr geht’s gemeinsam zum Essen zu Kaptan Nemo. Das Essen ist einfach, aber gut: Köfte, Tavuk Sis, Salat – es schmeckt. Wir sitzen noch lange zusammen, bis wir zurück an Bord gehen. In der Ferne blöken die wilden Esel, die Möwen schreien – eine perfekte Geräuschkulisse. Mit einem letzten Raki in der Hand lassen wir den Abend ausklingen, bevor wir müde, aber glücklich in die Kojen fallen.

Montag, 08.06.2026 | Orhaniye – Karasüleyman Bükü – Kuruca Bükü | 12,3 nm

Nane ist früh wach. Sehr früh. Der Grund ist eine einzelne Mücke, die beschlossen hat, heute Nanes persönlicher Endgegner zu sein. Immer, wenn der Schlaf zum Greifen nah ist, startet sie einen sirrenden Tiefflugangriff auf Nanes Ohr. Wer wach ist, kann auch nützlich sein, also wird Wasser aufgesetzt und Kaffee gekocht. So kommt ZR heute mal wieder in den Genuss eines servierten Kaffees. Zum Frühstück gibt es Spiegelei und aufgebackenes Brot. Ein Blick in die Vorräte zeigt: Wir müssen bisschen was einkaufen.

Die erste Mission des Tages: Gas! Nane fährt mit Dogan zu einem kleinen Market und tauscht die leere Flasche gegen eine volle – passt. Direkt daneben hat eine Bäckerei auf, also landen kurzerhand noch Apfeltaschen und Simit in der Tasche. Die Jungs werden sich freuen. Nach einem Einkauf im A101 und Migros sind wir für den Rest des Törns gerüstet.

Orhaniye ist ein super Ort für einen Crew-Wechsel und bei viel Wind ein sicherer Hafen, aber bei Flaute und Sonne wird es schnell warm und zur Mücken-Falle. Wir verabschieden uns von Dogan und legen ab. Der Plan: zurück in eine Bucht, Ruhe, selber kochen. Der Wind hat heute allerdings komplett gekündigt. So gar kein Wind. Also steuert Dirk erstmal Nanes alte Lieblingsbucht an: Karasüleyman Bükü, für einen kurzen Bade-Stopp.

Kaum sind wir erfrischt, kommt ein Hauch von Wind auf. Da wir uns morgen mit der “Il Sogno” in Serce Limani treffen wollen, nutzen wir jede Chance. Anker auf und ab in den Hisarönü-Golf. Wir kreuzen auf und befinden uns offiziell im “Slow-Motion-Modus”. Nane rechnet laut nach: Mit 2,5 Knoten Fahrt ist die Pura Vida kaum schneller als ein Fußgänger. Wir spazieren also förmlich durch den Golf.

Als wir endlich in Kuruca Bükü ankommen, liegen schon einige Boote hier. Nachdem das erste Ankermanöver an Nanes fehlender Rückmeldung, wie es mit dem Anker aussieht scheitert und der Anker slippt, tauschen Nane und Dirk die Plätze. Nochmal und dann mit 2000 Umdrehungen rückwärts eingegraben, sitzt das Ding. Schön, wieder hier zu sein.

Nach einem Anleger-Shandy geht’s ins Wasser. Unweit von uns versucht das Skipper-Pärchen der “Fuchur”, zu zweit auf einem Stand-Up-Paddleboard zu balancieren – ein Manöver, das eher an eine Zirkusnummer als an Wassersport erinnert. Sie nehmen es mit Humor, fallen ins Wasser und wir kommen ins Quatschen. Die beiden sind schon in Rente und können monatelang hier segeln. Eine wunderschöne Vorstellung.

Zum Abendessen gibt es Bruschetta und Pasta à Limon (nach Andreas Rezept). Köstlich. Wir genießen den Sonnenuntergang und gehen noch eine letzte Runde schwimmen. ZR meint geheimnisvoll, er müsse Nane noch etwas erzählen, aber erst, wenn sie wieder aus dem Wasser ist – okay. Da er nicht rausrücken will, was los ist, siegt Nanes Neugier und sie klettert zurück an Bord. Die große Enthüllung: Er hat einen Spiegel-Artikel gelesen, dass im Mittelmeer (zwar in Spanien) ein Weißer Hai gesichtet wurde.

Nane googelt sofort. Paniklevel steigt. Es soll 250 Exemplare geben. Aber: noch nie einen Angriff auf einen Menschen. Die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz getroffen zu werden, ist höher. Trotzdem: Wir sind die Generation, die “Der Weiße Hai” als einen der ersten 3D-Filme im Kino gesehen hat. Diese Ur-Angst sitzt tief.

Nachdem wir nun alles über den Weißen Hai im Mittelmeer wissen, was Google hergibt, und uns gegenseitig versichern, wie unwahrscheinlich alles ist, verschwinden wir irgendwann – vielleicht doch etwas schneller als sonst – in den Kojen.

Sonntag, 07. Juni 2026 | Sögüt – Orhaniye | 19,33 nm

Letzte Woche drohte der Wetterbericht noch mit Regen, heute ist davon zum Glück nichts mehr zu sehen. Strahlender Sonnenschein. Das morgendliche Kaffee-Ritual an Deck lockt heute sogar unseren Skipper aus der Koje – ein Ereignis von besonderer Bedeutung! Nane macht sich auf den Weg, um Brot zu kaufen. Irems Market ist immer noch ein verwaister Ort, also geht’s zum kleinen Laden am Octopus Restaurant. Das Brot ist überraschend günstig (40 Tyl pro Stück), was uns zu der Frage bringt, wie man bei diesen staatlich gedeckelten Preisen überhaupt noch produzieren kann. Ein Rätsel der türkischen Wirtschaft.

Dank unserer umfangreichen Eier-Bestände (gekauft und geschenkt) gibt es für die Herren ein feudales Omelett mit Schinken und Käse. Während die Jungs noch heldenhaft den Abwasch erledigen, begleicht Nane die Rechnung vom Vorabend. Vor uns liegen fast 20 Seemeilen, die sich bei wenig bis gar keinem Wind wie Kaugummi ziehen werden.

Der Abschied dauert, wie immer, länger als geplant. Erst trinken wir noch einen Cay und quatschen mit unseren englischen Nachbarn. Ihr Boots-Drama geht in die nächste Runde: Gestern haben sie festgestellt, dass der Segelmacher ihnen die falschen Segel mitgegeben hat. Bei diesem Boot schlägt Murphys Gesetz mit voller Wucht zu. Nach einem herzlichen Abschied von Sabit, Gülümser und Öykü – “See you in September!” – geht es endlich los. Mission heute: das Restaurant Palmiye unter neuer Leitung testen und für unseren Freund Sven checken, ob er hier im August einen Crew-Wechsel machen kann.

Im Yesilova-Golf können wir tatsächlich aufkreuzen und schaffen es auf solide 4,5 Knoten. Der Wind meint es kurz gut mit uns und Nane kann auf dem Steuerbord-Bug bis zum Kap segeln. Doch kaum biegen wir in den Hisarönü-Golf ab, ist der Spaß vorbei. Wind weg. Also: Segel einholen, Motor an. Bei achterlichem Wind und Motorleistung hebt sich die gefühlte Geschwindigkeit gegenseitig auf, und wir schleichen mit leichtem Dieselgeruch in der Nase Richtung Orhaniye. Kurz vor Bencik erwischen wir nochmal einen Hauch von Wind und hissen die Genua. Im “Slow-Motion-Modus” cruisen wir mit 2,5 Knoten dem Ziel entgegen. Gechillter kann man nicht segeln.

Gegen 16 Uhr legen wir am Steg der Palmiye Marina an. Und wer steht da, um die Leinen anzunehmen? Dogan, der Chef höchstpersönlich. Wir werden zur Chefsache erklärt – das gefällt uns.

Nach einem schnellen Anleger-Drink füllt Dirk den Wassertank, und wir schrubben einmal das Deck. Es gibt definitiv schlimmere Arbeiten, als bei diesen Temperaturen mit kühlem Wasser zu planschen. Danach wollen wir in den Pool, der aber wegen einer Chlor-Behandlung gesperrt ist. Macht nichts. Wir duschen und lassen uns in die Liegestühle fallen. Man hat nichts getan und ist trotzdem erschöpft – das ist der wahre Urlaubs-Modus.

Gegen 19 Uhr testen wir das Restaurant. Und was sollen wir sagen? Volltreffer! Mushroom Casserole, Ekzine Peynir, Lamm- und Hähnchenspieße – alles ist fantastisch gewürzt und perfekt gegrillt. Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Weil Nane etwas länger auf ihren Hauptgang warten muss, bekommen wir als Entschuldigung noch eine gebackene Halva aufs Haus. Wie nett! Mission für Sven: Läuft.

Zurück an Bord gibt es das obligatorische Weinschorle, gefolgt von einem Raki. Wir chillen an Deck, bis das erste Gähnen kommt, und verziehen uns dann glücklich und satt in die Kojen.