Donnerstag, 24. September 2026 | Kocabahce Koyu (Sailors Paradise)

Wir haben erstaunlich gut geschlafen. Das Gefühl, an der Boje absolut sicher zu liegen, hat die Geräuschkulisse aus heulendem Wind, klatschenden Wellen und knarrenden Leinen in ein beruhigendes Schlaflied verwandelt.

Gegen acht gibt es den ersten Kaffee. Nane schreibt Tarek eine kurze Nachricht, ob er uns ein frisches Brot und sechs Eier bringen kann. Die Antwort kommt prompt in Form von Tarek selbst, der mit den gewünschten Lebensmitteln am Boot steht. Was für ein Service! So bekommen die Jungs ein herzhaftes Frühstück mit türkischer Knoblauchwurst (Sucuk) und Ei, während Nane bei ihrem geliebten Joghurt mit Honig und Obst bleibt. Thomas ist vom türkischen Brot begeistert.

Am Vormittag geht Nane eine Runde schwimmen und beäugt dabei kritisch den Palstek, mit dem sie gestern die zusätzliche Leine am Bug befestigt hat. Sie ist nicht zufrieden. Das ungeschriebene Gesetz an Bord lautet: Wenn du es nicht gut findest, müssen wir es ändern. Also wird der Motor gestartet, Thomas gibt die Leine etwas frei und Nane knüpft den Knoten neu. Jetzt sitzt er perfekt. Eine gute Entscheidung, denn für den Nachmittag ist noch heftigerer Wind angesagt.

Kaum ist Nane zurück an Bord, klingelt das Telefon. Tarek ist dran: Eine Reservierung wurde storniert, wir können an den Steg, sobald der Katamaran nebenan weg ist! Perfekt! Dirk macht sofort die Fender klar. Zehn Minuten später legen wir mit Tareks Hilfe sicher am Jetty an. Zwei Murings, zwei Achterleinen – jetzt kann der Sturm kommen! Nane ist happy. Das muss natürlich mit einem Anleger gefeiert werden.

Wir haben jetzt den Logenplatz für das Nachmittagsspektakel. Ein Gast von einer belgischen Crew will in der Bucht Kite-Surfen. Bei dem Wind ein waghalsiges Unterfangen. Die Vorbereitungen sind langwierig. Tarek fährt ihn mit dem Dinghi raus. Dort kämpft er mit den tückischen Fallböen, die durch die Berge in der Bucht entstehen. Mal hat er richtig Speed, im nächsten Moment klappt das Segel zusammen. Das Schauspiel lässt sich keiner am Steg entgehen. Von allen Vorschiffen wird zugeschaut und mitgefiebert. Irgendwann verlässt ihn die Kraft und er gibt auf. Trotzdem: Hut ab vor dem Versuch!

Der Wind nimmt weiter zu. Die Palmen am Ufer biegen sich, die Wellen bauen sich auf und irgendwann fegt fliegende Gischt durch die Bucht. Wir machen schnell das mittlere Fenster der Sprayhood zu, um im Cockpit trocken zu bleiben.

Gegen 16 Uhr gehen wir zum „Family-Çay“ ins Restaurant. Wir sitzen mit Berrin, Tarek, Mehmet, Serkan und einem netten türkischen Paar zusammen. Es stellt sich heraus, dass sie ihr Boot seit 20 Jahren in der Marina in Bodrum liegen haben und auf dem Rückweg in Palamutbükü vorbeikommen. Sie kennen dort unseren Freund Gürcan sehr gut. Die Gelegenheit! Wir fragen, ob sie ihm eine kleine Lieferung von uns mitbringen können. Nane ist überglücklich, denn nun können wir unser Versprechen einlösen: Wir geben ihnen zwei Packungen „Duplo“ für Gürcan mit. Er kennt die Schokoriegel aus seiner Kindheit und verbindet damit tolle Erinnerungen. Eine kleine Geste mit großer Wirkung.

Zurück an Bord gibt es ein, zwei Weißweinschorle, bevor der Wind gegen 18 Uhr mit über 30 Knoten seinen Höhepunkt erreicht. Wir gehen zum Abendessen und bestellen uns durch die Karte: scharfe Chili-Vorspeise (Atom), diverse Cremes und Börek mit Meeresfrüchten, gefolgt von Lammkoteletts, Hähnchen-Spieß und einem „Hunterbörek“ (Pfannkuchen mit Hackfleischfüllung). Alles extrem lecker, aber wie immer viel zu viel. Wir sind pappsatt. Mehmet gesellt sich zu uns und trinkt mit Thomas noch einen Raki.

Die letzten beiden windigen Nächte stecken uns in den Knochen. Nane will nur noch ins Bett. An Bord gibt es noch einen kleinen Schlummertrunk – Rum, für Dirk sogar mit Cola – und schon liegen wir in den Kojen, sicher und geborgen, während draußen der Sturm tobt.

Mittwoch, 23.09.2026 | Degirmen Koyu Sariliman Adasi – Kocabahce Koyu | 11,48 nm

Die Nacht an Deck war, um es milde auszudrücken, unruhig. Der Wind hat die ganze Nacht durchgeblasen, und die auf Navily beschriebene „gute Abdeckung“ der Bucht entpuppte sich als Wunschdenken – so viel zum Thema Community-Wissen. Der erste Kaffee am Morgen ist heute daher nicht nur lecker, sondern überlebenswichtig. Bei Tageslicht wirkt der Wind schon nicht mehr ganz so dramatisch, aber das Gefühl in der Nacht, mit all der Pendelei, war ein anderes. Die gute Nachricht und das „Lesson Learned“ des Tages: Unser Anker hat bombenfest gehalten!

Gegen 10 Uhr holen wir den Anker auf und hissen kaum aus der Bucht die Genua. Mit gemütlichen 4 bis 5 Knoten schieben uns Wind und Welle von achtern Richtung Kocabahce Koyu. Kurz nach 12 Uhr laufen wir in die Bucht von Sailors Paradise ein, wo uns Tarek schon vom Ufer aus zuwinkt und uns eine freie Boje zeigt. Wir bekommen eine Muring an der Boje und eine bereits fest verankerte Landleine. Wegen des starken Windes, der noch erwartet wird, legen wir zusätzlich eine Spring vom Bug zum Ufer, um das Pendeln zu minimieren. Perfekt. Kaum liegen wir fest, nimmt der Wind stetig zu. Wir haben den perfekten Logenplatz, um das Anlegen der nachfolgenden Boote zu beobachten.

Und die Show lässt nicht lange auf sich warten. Der Steg von Sailors Paradise wird von einer holländischen Flottille mit 21 Mann auf fünf Booten in Beschlag genommen. Dann kommt eine Gruppe von SK Yachting mit russischen Crews, die am Steg des benachbarten Glamping-Resorts festmachen. Plötzlich ein ohrenbetäubender Lärm: Eine der Yachten kracht mit voller Rückwärtsfahrt gegen den Holzsteg! Der Einschlag ist brutal, das Loch im Jetty sieht heftig aus, und wir wollen uns gar nicht vorstellen, wie das Heck des Bootes jetzt aussieht. Während Nane Fotos macht und eine Info-WhatsApp an die Charterfirma schickt, scheint die russische Crew das Ganze nicht so eng zu sehen – es wird sogar laut gelacht. Kopfschütteln bei uns an Bord.

Als Mittagssnack gibt es einen leckeren Dip mit Salzgebäck. Der Nachmittag vergeht mit weiterem „Hafenkino“, denn es kommen noch mehr Boote, die zur russischen Gruppe gehören. Ein Katamaran geht an die Nachbarboje, eine weitere Yacht quetscht sich noch dazu. Jetzt ist die Bucht rappelvoll. Ankern ist bei dem Wind und der Tiefe keine Option, was die paar Skipper, die es trotzdem versuchen, schnell aufgeben und weiterfahren. Nane gönnt sich einen kleinen Power-Nap, bevor sie türkischen Kaffee und eine Runde Kekse serviert.

Wir beschließen, vor der holländischen Flottille zum Essen zu gehen – eine weise Entscheidung. Tarek holt uns gegen halb sieben mit dem Dinghi ab. Wir schlemmen uns durch die Vorspeisen, Thomas und Dirk gönnen sich einen gegrillten Fisch, und Nane bestellt ihre geliebten Königsgarnelen. Köstlich! Wegen des frischen Windes wollen alle Gäste drinnen sitzen, die Tische stehen dicht an dicht, es ist wuselig und laut. Serkan stellt uns kurzerhand eine ganze Kanne Çay auf den Tisch, damit er nicht so oft laufen muss. Von Berrin bekommen wir noch einen süßen Nachtisch und Mehmet spendiert einen Raki. Zwischendrin will Berrin auf Dirks Handy die Videos von der Hochzeit anschauen und ist schwer beeindruckt.

Zurück auf der Pura Vida gönnen sich Thomas und Nane noch einen kleinen Raki als Absacker. Dirk ist der Schlafmangel der letzten Nacht anzumerken, er verschwindet sofort im Bett. Wir haben vollstes Vertrauen in die Murings und Leinen von Sailors Paradise. Und so schlafen wir trotz heulendem Wind, klatschenden Wellen und knarrenden Leinen tief und fest.

Dienstag, 22.09.2026 | Kuruca Bükü – Degirmen Koyu Sariliman Adasi | 10,47 nm

Die erste Nacht mit Thomas an Bord war perfekt: ein sternenklarer Himmel und absolute Ruhe. Was will man mehr? Für heute haben wir uns nur eine kurze Etappe vorgenommen. Rund sieben Seemeilen soll es in eine Bucht gehen, die uns auf Instagram schon mehrfach begegnet ist und die wir endlich mal selbst testen wollen: Degirmen Koyu, direkt hinter der Insel Sariliman. Letzten Sommer hatten wir den Versuch wegen zu viel Wind und Welle abgebrochen, heute soll es klappen.

Wir lassen es gemütlich angehen, frühstücken in Ruhe und lichten gegen 11:30 Uhr den Anker. Aufkreuzend erreichen wir am frühen Nachmittag unser Ziel. Die Bucht ist menschenleer, auch das kleine Café am Strand hat geschlossen. Die Saison scheint hier vorbei zu sein. Wir werfen den Anker auf der Westseite in 9 Metern Tiefe. Der Untergrund ist allerdings dichter Seegras, und obwohl der Anker auf den ersten Blick hält, ist Dirk nach einem prüfenden Tauchgang nicht zufrieden. Also: alles wieder hoch!

Zweiter Versuch, etwas mehr in der Mitte der Bucht, wo wir eine helle Sandstelle ausgemacht haben. Wieder hält der Anker nicht so, dass Dirk ihm vertrauen würde. Er ist einfach nicht richtig eingegraben. Thomas und Nane haben eine Idee: Dirk soll im Wasser bleiben und das Manöver beobachten, während wir an Deck mit dem Motor rückwärts Gas geben. Gesagt, getan. Und siehe da: Schon bei 1.400 Umdrehungen graben sich die Flunken des Ankers tief in den Sand. Er hält bombenfest, selbst als wir zwei Minuten lang mit 2.000 Umdrehungen testen. Teamwork!

Nane startet sofort ihre Anker-App. Der Wind bläst konstant aus Nordwest, sodass wir nur einen kleinen Teil unseres möglichen Schwojkreises nutzen. Zum Abendessen gibt es eine köstliche Resteverwertung: Die Putenbrust von gestern wird mit Tomaten-Paprika-Gemüse und Käse im Ofen überbacken, dazu der restliche Nudelsalat. Doch so richtig gemütlich wird es nicht. Der Wind pfeift konstant mit 15 bis 17 Knoten durch die Bucht – von Abdeckung keine Spur.

Wir sitzen an Deck und quatschen. Irgendwann übermannt Dirk die Müdigkeit. Er holt sich sein Kissen und seine Decke und schläft im Cockpit ein. Und dann passiert es: Er gibt leise Schnarchgeräusche von sich! Nane ist im Himmel. Nach all den Jahren, in denen er es bestritten hat, hat sie endlich einen Ohrenzeugen: Thomas! Ein historischer Moment.

Nane entscheidet sich, Dirk im Cockpit Gesellschaft zu leisten und holt sich ebenfalls Kissen und Decke. Der Wind pfeift, das Boot schwojt, wir beobachten den Mond bei seiner Wanderung über den Himmel. Draußen auf dem Meer sehen wir die blauen Lichter der Küstenwache patrouillieren, aber in unsere Bucht kommen sie nicht. Es wird eine unruhige Nacht. Wir wachen immer wieder auf, und es wird empfindlich kalt, vor allem an den Füßen.

Mitten in der Nacht steht Dirk plötzlich auf, weil er aufgewacht ist, er friert. Er hat gemerkt, dass Nane auch friert. Wortlos verschwindet er unter Deck, bezieht die Wolldecken mit Bettbezügen, kommt wieder hoch und deckt Nane sorgfältig zu. In diesem Moment ist er einfach nur genial. Sie bedankt sich herzlich und kann endlich wohlig warm wieder einschlafen. Die Rache des schnarchenden Skippers ist eine Heldentat der Fürsorge.

Wir hoffen, dass die Nacht schnell vorbei geht – die Bucht ist windstill sicher super, aber selbst bei moderaten Winden zu ungemütlich, um zu übernachten.