Freitag, 18. September 2026 | In Bükü

Die Nacht an Deck war ruhig und der Sonnenaufgang, der uns weckt, entschädigt für jede einzelne unbequeme Stelle der Cockpitpolster. Auch Dirk wird langsam wach und wirkt erstaunlich erholt. Die Magenkrise scheint überstanden, auch wenn er zum Frühstück sicherheitshalber einen Tee statt Kaffee und ein Brot statt Müsli bestellt. „Aye Aye Sir, Euer Wunsch ist mir Befehl!“ Nane zaubert ein magenschonendes Mahl. Der Moment, in dem Dirk sich dann herzhaft Schinkenwurst auf sein Brot packt, ist die offizielle Entwarnung: Der Modus „magenschonend“ ist wieder zu „normal“ übergegangen.

Die Grillen zirpen, wir beobachten das Leben um uns herum. Die anderen Ankerlieger schnorcheln, angeln oder chillen. Bis auf das Angeln passt das auch für uns. Wir essen zwar gerne Fisch, aber selbst einen töten? Lieber nicht.

Gegen Mittag meldet sich bei Dirk ein kleiner Hunger. Der ultimative Test: Nane kocht Menemen, das türkische Rührei mit Tomaten und Paprika. Der Deal war: Wenn es ihm danach schlecht geht, fahren wir früher in die Marina nach Orhaniye. Aber: Er verträgt es bestens! Die Ankerbucht gehört uns für einen weiteren Tag.

Für heute ist etwas mehr Wind aus Nordwest angesagt. Das weckt Nanes Forschergeist. Sie starrt auf ihre Anker-App und analysiert unseren „Schwojekreis“ – also den Radius, in dem wir uns um den Anker bewegen. Der ist mit 38 Metern nicht zu unterschätzen. Obwohl wir auf 9 Metern geankert haben, kommen wir bei Zug auf der Kette dem Land schon recht nahe und haben nur noch 4,6 Meter Wasser unter dem Kiel. Bei 2 Metern Tiefgang ist das zwar völlig unbedenklich, aber Dirk wird langsam unruhig. „Was schaust du denn ständig auf diese App? Stimmt was nicht? Sollen wir uns verlegen?“ Aber Nane will einfach nur verstehen, wie sich das Boot bei den drehenden Winden verhält. Am Ende ist klar: Wir liegen in jede Richtung stabil. Alles passt.

Um sich vom ständigen Pendeln am Anker abzulenken, startet Nane unter Deck eine neue Mission: die Hochzeitskarte für morgen. Nach Mehmets Empfehlung sollen 2.000 Lira in den Umschlag. Einfach so reinstecken? Zu langweilig. Also wird eine YouTube-Anleitung zurate gezogen, wie man Geldscheine zu Herzen faltet. Es folgen mehrere Versuche. Dirk, der die Anleitung an Deck mithört, fragt besorgt, ob er helfen soll. „Nee, besser nicht.“ Am Ende ist Nane mit ihren Geld-Herzen zufrieden, schreibt einen schönen Text in die Karte und überlässt Dirk den anspruchsvollsten Teil des Jobs: seine Unterschrift.

Der Rest des Nachmittags folgt dem typischen Rhythmus eines Buchtentages: Musik hören, Hörbuch lauschen, schwimmen, in der Sonne trocknen, chillen. Außer, es gibt was zu reparieren. Eine Reparatur steht zwar nicht an, aber Dirk stört die Optik: Der Flugrost am Reling- und Bimini-Gestänge muss weg! Also wird die Polierpaste rausgeholt und alles auf Hochglanz gebracht, bis kein einziges Pünktchen mehr zu sehen ist. Interessanterweise kam seit seiner letzten Polier-Aktion im Juni niemand auf diese Idee…

Zum Abendessen gibt es einen leichten Tomatensalat mit Thunfisch und Zwiebeln, dazu aufgebackenes Fladenbrot. Dirks Magen meldet sich nicht. Magenkrise endgültig überstanden!

Wir genießen den Sonnenuntergang, beobachten den aufgehenden Mond und die Sterne. Dann beschließen wir, der Technik zu vertrauen. Die Anker-App ist so eingestellt, dass sie laut loshupt, falls wir unseren sicheren Bereich verlassen. Wie erwartet, bleibt der Alarm stumm, und wir schlafen die ganze Nacht herrlich durch.

Donnerstag, 17.09.2026 | In Bükü

Nach den windigen ersten Tagen und der kleinen Flottillenfahrt mit der „Sun Lark“ war der Plan für heute klar: Urlaub im Urlaub. Wir liegen in der wunderschönen Bucht In Bükü, genau gegenüber von Orhaniye, wo wir erst am Samstag sein müssen. Die perfekte Gelegenheit, einfach mal die Seele baumeln zu lassen. Die Wettervorhersage meldet viel Regen, also nutzen wir die trockene Phase am Morgen für ein klassisches Buchtenfrühstück im Cockpit: Nane macht Pfannkuchen mit der köstlichen Pflaumenmarmelade ihres Kollegen. Ein Genuss! Pünktlich nach dem letzten Bissen fängt es an zu regnen – Timing ist alles.

Wir ziehen uns unter Deck zurück und nutzen die Zeit für eine kleine Putz-Offensive. Die Bäder, die Kabinen, der Salon – alles wird nochmal auf Hochglanz gebracht. Schließlich soll sich unser Ehrengast Thomas, wenn er in der Nacht auf Montag ankommt, auf einem blitzblanken Schiff sofort wohlfühlen.

Mitten im Schrubben wird die Idylle jäh unterbrochen. Völlig unvorhergesagt kommt ein heftiger Wind aus Südost auf. Unser Boot beginnt am Anker zu „wandern“ und bewegt sich ein gutes Stück Richtung Nordwesten. Genau in die Richtung, in die wir den Anker geworfen haben – hoffentlich reißt er nicht aus! Wie auf Kommando sind alle Skipper an Deck, die Blicke kritisch auf die eigene Ankerkette, die Nachbarn und den Himmel gerichtet. Draußen im Hisarönü-Golf stehen weiße Schaumkronen, der Himmel ist pechschwarz und es schüttet wie aus Kübeln. Ein Moment, in dem uns sofort unser Freund ZR in den Sinn kommt, der jetzt mit Sicherheit sagen würde: „Gehe segeln, haben sie gesagt, da ist schön Wetter haben sie gesagt, da hast du blauen Himmel haben sie gesagt, und jetzt das…..“ Nane starrt auf die Anker-App, aber wir pendeln uns ein und bleiben stabil. Gott sei Dank.

Nach drei Stunden ist der Spuk vorbei. Der Wind legt sich, der Regen hört auf. Wenn man bedenkt, dass für diese Woche ursprünglich mal ein Wirbelsturm vorhergesagt war, ist das Ganze nochmal glimpflich ausgegangen. Das heftige Gewitter ist Richtung Marmaris gezogen, nicht zu uns. Ein Blick in die sozialen Medien zeigt, was für ein Glück wir hatten: In Fethiye stehen nach sintflutartigen Regenfällen die Straßen unter Wasser. Die Videos sind übel.

Nach dem Adrenalin-Schub der letzten Stunden erholen wir uns an Deck. Auf Dirks Frage, was es zum Abendessen geben soll, schlägt Nane Schinkennudeln vor. Doch irgendwie hat Dirk heute eine andere Mission. Ihn packt die unbändige Lust auf Süßes. Kurzerhand verwandelt er die restlichen Pfannkuchen vom Morgen in einen opulenten „Nutella-Bananen-Traum“. Danach sind wir pappsatt. Das Thema Abendessen hat sich erledigt.

Doch das viele Süß rächt sich. Zwei Stunden später windet sich der Skipper mit heftigen Magenschmerzen im Cockpit. Er lehnt alles ab, was Nane ihm zur Linderung anbietet – Tee, Schnaps, gute Worte – und leidet still und sichtlich vor sich hin. In solchen Momenten stellt sich die Frage, für wen es eigentlich schlimmer ist: für den, der die Schmerzen hat, oder für den, der helfen will, aber hilflos danebensteht. Nane würde am liebsten tauschen, aber das geht nicht.

Irgendwann schläft Dirk erschöpft im Cockpit ein. Nane deckt ihn sorgfältig zu und leistet ihm Gesellschaft. Man weiß ja nie. Sollte es schlimmer werden, müsste sie aus dem nahen Orhaniye Hilfe organisieren. Aber Dirk schläft tief und fest. Und wie hat Nanes Mama schon immer gesagt? „Schlafen heilt.“ Also lässt sie ihn schlafen, hört leise Musik und schaut in den unendlichen Sternenhimmel, bis auch ihr irgendwann die Augen zufallen.

Mittwoch, 16.09.2026 | Kocabahce Koyu – In Bükü | 7,15 nm

Die Nacht war herrlich ruhig. Wenn zwischendurch mal ein Hahn kräht oder eine Ziege blökt, dann ist das kein Lärm, sondern der Soundtrack zur Erholung. Wir lassen den Tag langsam angehen, gezwungenermaßen. Dirk hat es ordentlich im Kreuz und läuft, als würde er auf Eiern gehen. Der klassische Hexenschuss hat zugeschlagen. Wir hoffen, dass wir das mit einer strategischen Voltaren-Offensive wieder in den Griff bekommen.

Zum Glück haben wir es heute nicht weit und es ist kein Wind angesagt, auch wenn immer wieder leichter Regen fällt. Nach unserem Standard-Müsli-Frühstück chillen wir an Deck und verabschieden uns von der Crew der „Sun Lark“. Sie müssen heute zurück Richtung Marmaris und werden Bozukkale ansteuern – bei wenig Wind eine deutlich zähere Nummer als unsere Überfahrt vor ein paar Tagen. Nane nutzt die Zeit, um bei Berrin im Restaurant zwei, drei Çay zu trinken. Sie versucht, sie zu überreden, am Samstag mit zur Hochzeit nach Orhaniye zu kommen. Das wäre sicher ein tolles gemeinsames Erlebnis. Doch am Freitag wird im Sailors Paradise noch eine Gruppe von 180 Personen erwartet, was bedeutet, dass der Samstag voller Aufräumarbeiten sein wird. Die Chancen stehen also schlecht. Schade.

Wir verabschieden uns herzlich von unseren neuen Freunden der „Sun Lark“ – wir sind sicher, das war nicht das letzte Mal, dass wir uns gesehen haben. Kurz vor 12 Uhr legen wir ab. Unser Plan B für heute ist Karasüleyman Bükü, aber Nanes Herz hängt an Plan A: In Bükü. Diese Bucht ist einfach magisch. Mit ihrem dichten Pinienwald, der bis ans Ufer reicht, dem türkisgrünen Wasser und den Tuffsteinfelsen erinnert sie eher an einen norwegischen Fjord als an die türkische Ägäis. Ein Traum – den wir uns aber leider mit vielen anderen teilen.

Für das kurze Stück lohnt es sich kaum, die Fender reinzuholen, also schippern wir gemütlich rüber. Um halb zwei steuern wir auf die Einfahrt zu. Es liegen schon einige Boote darin, aber wir machen einen Platz aus, den wir – ein kleines Wunder – beide für gut befinden. Das erste Ankermanöver geht prompt schief. Bei 2.000 Umdrehungen rückwärts fängt der Anker an zu rutschen, er „slippt“. Also, alles wieder hoch und zweiter Versuch. Dieses Mal gräbt er sich ein. Wir haben auf 9 Metern Tiefe 38 Meter Kette draußen. Mehr geht wegen der Nachbarn leider nicht, aber die Peilung steht, der Anker hält. Puh.

Als Anleger gibt es einen Eistee, dann geht Nane eine Runde schwimmen. Dirk entscheidet sich stattdessen für das Alternativprogramm: eine Ibuprofen und eine lange Auszeit in horizontaler Lage im Cockpit. Der Nachmittag vergeht wie im Flug. Es kommen noch zwei Yachten dazu, und vom Ufer hören wir das Wiehern von Wildpferden. Tatsächlich können wir zwei wunderschöne braune Pferde in der südwestlichen Ecke der Bucht ausmachen. (Wie eine runde Bucht eine Ecke haben kann, ist eine andere Frage, aber egal.)

Zum Abendessen gibt es heute nur die kleine Bordküche: gemischter Salat und überbackenes Schinken-Tomaten-Käsebrot. Zu mehr haben wir keine Lust. Die langsam untergehende Sonne taucht die Bucht in ein fantastisches Licht und später genießen wir den klaren Sternenhimmel. Bevor es in die Koje geht, bekommt Dirks geschundener Rücken noch eine dicke Schicht Voltaren. Hoffen wir, dass es morgen besser ist. Gute Nacht aus dem Fjord.