Der letzte Tag eines Törns hat immer eine eigene Melancholie. Unserer begann früh, denn wir hatten einen Plan. Um dem üblichen Trubel an der Tankstelle in Marmaris zu entgehen, wollten wir vor den meisten Charter-Crews dort sein. Wer schon einmal erlebt hat, wie sich ab dem Mittag die Yachten stauen und die Geduld mit der steigenden Hitze schwindet, wird unsere Motivation verstehen. Der Plan ging auf. Nach einem letzten ruhigen Frühstück auf See erreichten wir die Tankstelle, konnten ohne Wartezeit Diesel bunkern und machten uns auf den Weg zurück in die Adaköy Marina.
Gegen 12 Uhr funken wir die Marina an. Die Marineros kamen uns mit dem Dinghi entgegen, um unsere Ruckdämpfer bereits vor dem Anlegen am Steg zu montieren – ein Service, den wir sehr zu schätzen wissen. Wir bekamen einen Liegeplatz weiter innen am Schwimmsteg. Dort liegt man deutlich ruhiger, da die Schwingungen des Stegs geringer sind und die Leinen weniger belastet werden. Das Anlegemanöver selbst klappte mit Dirk am Steuer wie am Schnürchen. Ein Marinero rief Nane anerkennend zu, dass sie einen wirklich guten Skipper habe – ein schönes Kompliment zum Abschluss.
Nachdem das Boot sicher vertäut war, gab es natürlich erst einmal den obligatorischen Anleger. Danach stand jedoch die weniger vergnügliche Aufgabe an: das Packen. Mit dem Wissen, dass der Wecker um 2:45 Uhr für die Fahrt zum Flughafen klingeln würde, machten wir uns an die Arbeit. In der Mittagshitze war das eine schweißtreibende Angelegenheit. Als Belohnung gönnten wir uns eine erfrischende Dusche und anschließend ein paar Runden im Pool der Marina. Es ist immer wieder überraschend, wie viel mehr Kraft man im Süßwasser ohne den Auftrieb des Meeres benötigt.
Im Wasser liegend schmiedeten wir den Plan für den Abend: Wir würden die Tradition beibehalten, mit dem Taxi nach Marmaris fahren, um Hüsniye und ihre Mutter im Bazar zu besuchen und anschließend im „Golden Plate“ zu Abend zu essen. Wir warten noch auf Mehmet, um zu besprechen, was zu tun ist, bevor die nächste Crew kommt.
Die Taxifahrt nach Marmaris ist rasant, der Fahrer ließ uns in der Nähe der Netsel Marina aussteigen. Dirk steuerte uns zielsicher durch die Gassen zum kleinen Laden „Silvermoon“. Hüsniye war nicht da, aber ihre Mutter empfing uns mit einer herzlichen Umarmung und rief sie sofort an. Während wir warteten, überreichte Nane die mitgebrachte Lindor-Schokolade. Kurz darauf kam Hüsniye mit dem Fahrrad an. Wir setzten uns zusammen und sprachen über unseren Törn, die aktuelle Saison und die schwierige wirtschaftliche Lage in der Türkei. Die hohe Inflation macht das Leben für die Menschen hier sehr teuer und auch für uns sind die Preise spürbar gestiegen. Bevor wir gingen, kaufte Nane wie jedes Jahr einige Hamam-Tücher für Freunde und Kolleginnen.
Auf dem Weg zum Restaurant trafen wir zufällig Canan von Anka Yachting. Sie war zwar verabredet, nahm sich aber Zeit für einen kurzen Drink mit uns. Sie bestätigte unsere Beobachtung von unterwegs: Die Saison sei für die Charter-Unternehmen nur schleppend angelaufen, es fehlten Buchungen. Während wir die leeren Buchten genossen hatten, ist die Situation für die lokalen Geschäfte und Restaurants eine Katastrophe. Lediglich die Zahl der russischen Crews sei stabil geblieben. Diese Nachrichten gaben uns zu denken und warfen einen Schatten auf die Zukunft.
Auch wir selbst machen uns Gedanken. So sehr wir dieses Segelrevier lieben – wenn die Preisentwicklung so weitergeht, müssen wir uns vielleicht nach Alternativen umsehen. Mit diesen gemischten Gefühlen ließen wir unseren letzten Abend nach dem „Golden Plate“ noch im Cockpit ausklingen. Ein Abschied, der wie immer schwerfiel.
